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„Meine“ Stolpersteine in Pilsen und Jičín

von Dr. Jan Mühlstein

Über Jan Mühlstein

Als langjähriger Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland sowie der Liberalen jüdischen Gemeinde München Beth Shalom war Jan Mühlstein, der 1949 in Böhmen geboren wurde und seit 1969 in Deutschland lebt, wesentlich an der Rückkehr des reformierten Judentums in das ursprüngliche Heimatland Deutschland beteiligt. Seit Mai 2020 ist Jan Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Synagoge Beth Shalom, die eine von Star-Architekt Daniel Libeskind entworfene Synagoge in München bauen will.
Seit 1992 setzt Gunter Demnig sein künstlerische Konzept um, mit der Verlegung der Stolpersteine vor den einstigen Wohnungen derer zu erinnern, die aus der Mitte der Gesellschaft von den Nazi-Schergen verschleppt und ermordet wurden. In der Tschechischen Republik werden Stolpersteine, die tschechisch „vzpomínkové kameny zmizelých“ („Erinnerungssteine für Verschwundene“) genannt werde, auf Initiative der Tschechischen Union jüdischer Jugend seit 2008 verlegt.
Da ich mich seit vielen Jahren für Stolpersteine in München einsetzte, habe ich mich Ende 2018 entschieden, für meinen aus Pilsen (Plzeň) deportierten Onkel Hanuš Mühlstein sowie für meine aus Jičín verschlepte Tante Anna Hahn, geborene Mühlstein, ihren Ehemann Viktor Hahn und deren Sohn Jiří Hahn, die 1944 in Auschwitz ermordet wurden, Stolpersteine verlegen zu lassen. Mit Hilfe der örtlichen Archive konnten deren letzte frei gewählte Wohnorte ermittelt werden. In Pilsen ist es die heutige Straße B. Smetany 4 im Stadtzentrum, nur wenige Schritte von der Großen Synagoge entfernt. In der nordböhmischen Kleinstadt Jičín wohnte die Familie Hahn auf dem heutigen Valdštejn Platz 93 (benannt nach dem Feldherrn des 30-jährigen Krieges Albrecht von Wallenstein, der in Jičín seinen Hauptsitz hatte). In Pilsen, wo der erste Stolperstein 2012 verlegt wurde, koordiniert die Leiterin des Kulturbereichs der Stadt Pilsen Dr. Kvĕtuše Sokolová die Verlegung. In Jičín, wo die ersten Stolpersteine 2019 verlegt wurden hat der Vizebürgermeister der Stadt Petr Hamáček die Organisation übernommen.
Die Verlegung der Stolpersteine fand in Pilsen am Freitag, den 4. September 2020, und in Jičín am Montag, den 7. September 2020, statt. Die Begrüßung in Pilsen übernahm der Oberbürgermeister Martin Baxa, in Jičín der Bürgermeister Dr. Jan Malý, die beide das Stolpersteine-Projekt gewürdigt haben. In meinen Ansprachen in Pilsen habe ich an das Schicksal meines Onkels erinnert:
„Hanuš wurde 1911 in Brüx als das vierte Kind von Ernst und Kamila Mühlstein geboren. Zusammen mit seinen Geschwistern Josef, Anna und Robert – meinem Vater – wuchs er in den letzten Jahren der österreichisch-ungarischen Monarchie und danach in der Tschechoslowakischen Republik in einer typischen jüdischen Mittelstandsfamilie auf, für die es selbstverständlich war, ein jüdisches Leben zu führen und gleichzeitig aktiv am Leben der Brüxer Gesellschaft teilzunehmen. In das Haus in der heutigen B. Smetany 4 ist er wahrscheinlich 1936 eingezogen, als er in Pilsen eine Stelle als technischer Angestellter angetreten hat. Hier lernte er seine spätere Ehefrau Vera Premsler kennen, die in dem Haus zusammen mit ihrer geschiedenen Mutter Valerie lebte. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch das Nazi-Deutschland wurden die Rechte und Freiheiten der Juden immer mehr eingeschränkt. 1940 wird Hanuš zum Umzug in ein „Judenhaus“, wohin Anfang 1941 nach der Heirat auch Vera zieht. Am 26.1.1942 werden Hanuš, Vera und ihre Mutter Valerie nach Theresienstadt deportiert. Der Transport T, der dritte aus Pilsen, umfasst 604 Personen, von denen nur 67 die Befreiung erleben, unter ihnen Vera. Das jüdische Ghetto Theresienstadt ist aber nur eine Zwischenstation. Am 1.9.1944 wird Hanuš nach Auschwitz deportiert, wo er die schwere Arbeit und die unmenschlichen Lebensbedingungen nicht lange überlebt.“
In Jičín sagte ich über die Familie Hahn:
„In dem Haus am heutigen Valdštejn Platz 93 hatten Karl und Josefa Hahn seit 1904 ein Geschäft mit Galanterie und Textil sowie ihre Familienwohnung. Das Ehepaar hatte sieben Kinder. Der Älteste, Viktor, geboren 1894 in Jičín, heiratete 1929 Anna Mühlstein. Anna wurde 1904 in Brüx als das zweite der vier Kinder von Ernst und Kamila Mühlstein geboren. Ihr jüngerer Bruder Robert ist mein Vater. Anna und Viktor lebten in diesem Haus, wo 1930 ihr Sohn Jiří geboren wurde. Für sie war es selbstverständlich, ein jüdisches Leben zu führen und gleichzeitig aktiv am Leben der Jičíner Gesellschaft teilzunehmen. Umso schwerer traf es sie, als nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch das Nazi-Deutschland die Rechte und Freiheiten der Juden immer mehr eingeschränkt wurden. Das Geschäft der Hahns wurde „arisiert“, sie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben und mussten in ein „Judenhaus“ umziehen. 31.1.1943 werden sie mit einem Transport von Mladá Boleslav nach Theresienstadt deportiert, insgesamt 550 Personen, von denen nur 27 überlebten. Das jüdische Ghetto Theresienstadt ist aber nur eine Zwischenstation. Am 28.9.1944 wird Viktor nach Auschwitz deportiert, wo er die schwere Arbeit und die unmenschlichen Lebensbedingungen nicht lange überlebt. Am 23.10.1944 folgen Anna und Jiří, die direkt von der Rampe in Auschwitz-Birkenau ins Gas gehen. Etwa 10 Tage nach deren Ermordung wird der Betrieb der Gaskammern eingestellt, weil die SS vor der nahenden Roten Armee die Spuren ihrer Verbrechen vertuschen will.“
Bei beiden Ansprachen fügte ich zu:
„Der Künstler Gunter Demnig hat sein Konzept „Stolpersteine“ genannt, weil uns das Stolpern an unsere Verantwortung für die Vergangenheit erinnern soll: Derer nicht zu vergessen, die während des Nazi-Terrors aus unserer Mitte verschwunden sind. Es soll uns aber auch an unsere Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft erinnern. Das bedeutet: Jeden Menschen als eine eigenständige Person zu empfinden und ihn nicht durch die Brille der Vorurteile zu bewerten, aktiv Antisemitismus, Rassismus und Hass gegen Minderheiten, ob nationale, religiöse, sexuelle Orientierung oder anderer Art, abzulehnen, weil wir damit eine freie, offene, plurale demokratische Gesellschaft schützen, eine Garantie dafür, dass sich die Verbrechen der Nazizeit nicht wiederholen. Auch so ehren wir das Andenken von Hanuš, Anna, Viktor und Jiří, sichrono lebracha, seligen Gedenkens, und sorgen mit dafür, dass die Erinnerung an sie zum Segen gereicht.“
Zum Gedenken an Hanuš, Anna, Viktor und Jiří und weitere rund ein Hundert ermordete Verwandte sowie aller Opfer der Schoa sagten zum Abschluss der Zeremonien meine anwesende Familie und ich das traditionelle Gebet Kaddisch.
In Jičín nahmen an der Verlegung der Stolpersteine auch Schüler der örtlichen Fachoberschule, für die ich anschließend einen Vortrag halten konnte. Außerdem kam zufällig eine Gruppe von Kindern eines Kindergartens, die aufmerksam der Zeremonie folgten und danach die Stolperstein besichtigt haben.
Jan Mühlstein

 

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