Home > Allgemein > Warum die Stolpersteine so wichtig sind – schöner Beitrag in der FAZ – von israelischer Professorin

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FAZ 25. Januar 2018

Der Ort der Märtyrer

Gunter Demnigs Stolpersteine stehen in einer Tradition, die nicht abreißen darf.

Anmerkungen zur Münchner Gedenkdebatte

Bildunterschrift:

Ein Stadtplan des Gedächtnisses: Für die Verlegung von von Stolpersteinen in bayerischen Landeshauptstadt macht sich auch eine Münchner Initiative stark.“

Von Galit Noga-Banai

Dr. Galit Noga-Banai ist Professorin der Kunstgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem.

Ich hatte kurz vorher von der Eröffnung des Riemenschneider-Saals im Bayerischen Nationalmuseum gelesen und schlug meinen Gastgebern vor, als Nächstes dorthin zu gehen. Der halbstündige Gang vom Sankt-Jakobs-Platz zur Prinzregentenstraße führte und durch das kulturelle und politische Zentrum der Stadt…Mit einem Mal schien es mir, als ob den modernen Gebäuden irgend etwas fehle. Doch dann wurde es mir klar, daß mich etwas anderes irritiert hatte: auf dem gesamten Weg zwischen Sankt-Jakobs-Platz und der Prinzregentenstraße hatte ich keinen einzigen Stolperstein gesehen. Wie kann es sein, so fragte ich mich, daß niemand von den 4500 Menschen, deren Namen im „Gang der Erinnerung“ festgehalten sind, hier im Stadtzentrum gelebt oder gearbeitet hat?“

Die Toten des Holocausts haben keine eigene Gräber, doch jeder und jede von ihnen hatte ein Zuhause, einen Arbeitsplatz, eine Schule oder Universität – kurz: eine Adresse. Was entscheidend ist, ist nicht das Haus oder das Gebäude, das die Verfolgten und Getöteten einst bewohnten, sondern diese Adresse. Denn sie ist das, was bleibt, ganz egal, wer heute dort wohnt oder nach Schoa und Krieg dort gewohnt hat. Unter allen dort vorhanden „Siedlungsschichten“ gibt es – und wird es immer geben – die Schicht derjenigen, die verschleppt und vernichtet wurden und die namenlos waren, bis die Stolpersteine ihre Namen am selben Ort wieder sichtbar gemacht haben. Außer in München….“

Für München bedeutet das: Das Jüdische Zentrum braucht die Stolpersteine, um die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen und um sicherzustellen, daß das raumzeitliche Band bleibt. Inzwischen hat der Münchner Stadtrate eine als Kompromiß gedachte Lösung beschlossen, die vorsieht, Gedenktafeln an Hauswänden anzubringen oder Gedenkstelen aufzustellen. Mit einer solchen Lösung würde versucht, eine örtliche Kontinuität herzustellen. Was sie jedoch nicht vermag, ist, die Namen der ermordeten Münchner Juden in jene umfassende Kartographie zu integrieren, welche die Stolpersteine über das Pflaster der deutschen und europäischen Städte legen – in jenes raumübergreifende Martyrologium, das durch Gunter Demnigs Projekt im Entstehen begriffen ist. Der bevorstehende internationale Holocaust-Gedenktag bietet einen guten Anlaß, die Debatte darüber noch einmal aufzunehmen.“

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