Branz-Tafel_13-09-2026
Eine Gedenktafel erinnert an den Münchner SPD-Politiker und Widerstandskämpfer und seine Familie

Lotte und Gottlieb Branz: Widerstandskämpfer, Demokraten und Menschenfreunde

Das Ehepaar Lotte und Gottlieb Branz ist ein Beispiel für gelebten Widerstand. Seit dem 13. September – seinem 130. Geburtstag – erinnern Stolpersteine und eine Gedenktafel an den SPD-Politiker und seine Familie. In die Aignerstraße 3 zogen sie 1928. Lotte Branz und der gemeinsame Sohn lebten hier bis 1944, als eine Bombe das Haus zerstörte. Gottlieb Branz war bereits 1939 inhaftiert worden und wurde erst 1945 befreit. Unser Mitglied, der Historiker Herbert Dandl, hat die Geschichte der Familie recherchiert und sie bei der Verlegung vorgetragen. Hier seine Rede:

 

“Geboren bin ich in München, und zwar in der mir sympathischsten Vorstadt, in Giesing. Mit kur­zen Unterbrechungen bewohne ich seit meiner Geburt die rechte Isarseite, in meiner Jugendzeit Haidhausen, um als Mann wieder in meine Ur­heimat Giesing zurückzukehren. […]

Mit der politischen Bewegung kam ich erstmals, veranlaßt durch meinen Vater, im Jahr 1912 in Berührung. Ich gehöre seitdem der SPD an. Seit dem Zusammenbruch des 3. Reiches bin ich im Stadtrat.

Als Fraktionsvorsitzender der SPD muß ich mich naturgemäß mit allen Zweigen städtischer Ver­waltung beschäftigen, dabei liegen mir einige Dinge ganz besonders am Herzen. So vor allem der Bereich kommunaler Kulturaufgaben, insbe­sondere das Städtische Büchereiwesen und die Städtischen Bühnen.

Nicht zuletzt schätze ich in meiner öffentlichen Tätigkeit die Bürgerversammlungen. Ich habe die direkte Aussprache mit den Bürgern unserer Stadt fast immer als sehr wertvoll und für beide Teile fruchtbar gefunden.“

 

So bescheiden hat sich der 1896 geborene Gottlieb Branz im Oktober 1949 im Münchner Stadtanzeiger den Münchnerinnen und Münchnern als waschechter Giesinger vorgestellt. Mit keinem Wort erwähnte er dabei seine Leidenszeit und die seiner Familie in den 12 Jahren des NS-Regimes. Dabei sollten wir uns heute doch besonders daran erinnern.

Zusammen mit seiner Ehefrau, der 25-jährigen in Regensburg geborenen Lotte Harrich, und ihrem zweijährigen Sohn Julian ist er 1928 hierher in den neuen Wohnblock der Straßenbahner-Baugenossenschaft an der Alpenrosen-/Aignerstraße gezogen. Lotte und Gottlieb hatten sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend kennen- und lieben gelernt. Gottlieb arbeitete seit 1920 als Bibliothekar in der Gewerkschaftsbibliothek und seit 1930 war er Vorsitzender der SPD-Sektion Obergiesing I.

Erste Inhaftierung in Dachau

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten brach die Welt der Familie Branz zusammen. Am 9. März 1933 besetzen die Nazis das Gewerkschaftshaus und nahmen alle Anwesenden in Schutzhaft – alle außer Gottlieb. Er verwickelte den SA-Mann in ein Gespräch über Bücher und so fuhr der LKW mit den Festgenommenen ohne ihn ab und der Nazi schickte Gottlieb nach Hause. Aber seine Arbeit, die Existenzgrundlage der Familie hatte er verloren. Und auch der Verhaftung ist er nicht entgangen.
Als im Juni 1933 die SPD verboten wurde, ist er wie viele andere SPD-Funktionäre im KZ Dachau inhaftiert worden. Im Oktober wurde Gottlieb wieder entlassen und nach einigem Suchen konnte er die Vertretung für eine Zigarettenfirma übernehmen. Zumindest die ärgste materielle Not war damit gelindert.

Widerstandsarbeit mit dem Fahrrad und Rettung Verfolgter

Organisierten SPD-Widerstand gegen den NS-Terror gab es zu der Zeit noch nicht, aber da Gottlieb als Vertreter mit dem Fahrrad durch München fuhr, konnte er unauffällig Kontakt zu den Genossinnen und Genossen halten. 1934/35 nahmen er und Lotte Verbindung auf zum Exilvorstand der SPD in der Tschechoslowakei.
Beide fuhren nun als Kuriere zwischen München und dem Grenzgebiet hin und her und schleusten Verfolgte über die Grenze in Sicherheit u. a. mehrere Jüdinnen mit ihren Kindern und auch Berthold Feuchtwanger, den jüngsten Bruder des Schriftstellers Lion Feuchtwanger.

Zweite Inhaftierung in Buchenwald

Immer wieder wurde Gottlieb zum Verhör in die Ettstraße vorgeladen, bevor er am 3. Januar 1939 frühmorgens festgenommen und wegen „Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ angeklagt wurde. Ein Spitzel an der Grenze hatte ihn verraten. Nach der U-Haft in verschiedenen Gefängnissen, zuletzt in Neudeck in der Au, wurde er im September vom OLG München nur zu 7 Monaten Haft verurteilt, weil ihm nur der illegale Grenzübertritt nachgewiesen werden konnte.

Obwohl die Strafe durch die U-Haft bereits verbüßt war, wurde Gottlieb nicht freigelassen, sondern am 16. Oktober 1939 als „politisch Rückfälliger“ in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar deportiert, wo er in den folgenden fünfeinhalb Jahren Zwangsarbeit verrichten musste und die Lagerbibliothek betreute.

Lotte und Sohn Julian den Schikanen der Nazis ausgesetzt

Nach der Verhaftung ihres Mannes stellte Lotte Branz ihre Tätigkeit im Widerstand ein, denn sie musste nun, weiter den ständigen Schikanen der Nazis ausge­setzt, ihren Sohn Julian alleine durch die Kriegsjahre bringen.

Man muss sich auch vorstellen, welche Leidenszeit dies für den kleinen Julian war. Sein Vater in der wichtigsten Zeit seines Erwachsenwerdens als Staats- und Volksfeind diffamiert und eingesperrt und in der Schule sowie auf der Straße dem ständigen Trommelfeuer der Naziideologie ausgesetzt. Und im August 1944 wurde Julian sogar noch zum Kriegsdienst eingezogen. 1986 ist er viel zu früh verstorben.

Trotz ihrer extremen Notlage hat es Lotte abgelehnt, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. Weil sie in einer Gärtnereigenossenschaft Arbeit fand und auch helfende Freund:Innen hatte, konnte sie sich und Julian durch die Not der Kriegszeit bringen. Eine dieser Freundinnen war Sylvia Klar. Sie wurde 1941 in das KZ Ravensbrück deportiert und 1942 ermordet. Ihr Mann, der jüdische Orthopäde Moritz Klar, ist bereits am 30.11.1938 im KZ Dachau ermordet worden.

Nach der Zerstörung des Wohnblocks in der Aignerstraße durch Fliegerbomben am 25. April 1944 kam Lotte zusammen mit Julian zunächst bei der befreundeten Familie Rick in der Harlachinger Rotdornstraße 12 unter. Nach der Rückkehr Gottliebs nach München zog das Ehepaar nach Neuharlaching in die Vollmarstraße 12. Hier wohnten Lotte und Gottlieb bis 1954, ehe sie an den Mariahilf-Platz 25 umzogen.

Wiedergründung der SPD und Stadtrat

Nach seiner Befreiung aus dem KZ durch die US-Armee am 11. April 1945 war Branz einer der Autoren und Mitunterzeichner des berühmten „Bu­chenwalder Manifestes der demokratischen Sozialisten des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald“.
Sofort nach seiner Rückkehr am 28. Mai 1945 zu seiner Familie nach München wurde Gottlieb Branz wieder politisch aktiv. Er unterstützte Tho­mas Wimmer bei der Wiedergründung der Münchner SPD und wurde deren stellvertretender Vorsitzender. Bis 1956 leitete er die SPD-Fraktion im Münchner Stadtrat, 1946 wurde Branz zum Vizepräsidenten des Bayerischen Roten Kreuzes gewählt und von 1950 bis 1961 sorgte er als Direktor der Münchner Stadtbüchereien für deren Auf- und Ausbau.
Bis zu seinem Tod bemühte sich Gottlieb Branz intensiv um die Rückkehr der von den Nationalsozialisten ins Exil getriebenen Persön­lichkeiten aus Kunst und Kultur, Wissenschaft und Lehre, Wirtschaft und Politik. Am 26. September 1972 ist Gottlieb Branz in München verstorben.

Lotte setzt sich für Frauenrechte ein

Lotte Branz wurde nach dem Krieg bei den sozialdemokratischen Frauen aktiv. Als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) setzte sie sich für die Interessen aller Frauen ein. Sie war Mitgründerin der Georg-von-Vollmar-Akademie in Kochel und bis 1968 deren stellvertretende Vorsitzende. Lotte ist am 16. Juli 1987 verstorben.

Die Ehre ihrer Heimatstadt hochgehalten

Das Ehepaar Branz prägte in der Nachkriegszeit nicht nur das Gesicht der Münchner SPD, sondern zeugt noch heute vor allem dafür, dass München nicht ausschließlich die „Hauptstadt der Bewegung“ war, sondern auch Menschen beherbergte, die bereit waren, Gesundheit und sogar ihr Leben einzusetzen, um der unmenschlichen Barbarei der Nazis Einhalt zu gebieten. Sie haben die Ehre ihrer Heimatstadt München in ihrer dunkelsten Zeit hochgehalten und sich nach der Befreiung von der NS-Diktatur um München, um Bayern und um die Demokratie in Deutsch­land so verdient gemacht wie nur ganz wenige andere.

Vorbild und Mahnung, die Demokratie nicht ihren Feinden zu überlassen

Das Leben der Familie Branz ist in den heutigen Zeiten des dramatisch wiedererstarkenden Rechtsradikalismus nicht nur ein Vorbild der Ehrenhaftigkeit, sondern eine Mahnung an uns Nachgeborene, die Demokratie nicht ihren Feinden zu überlassen, sondern gemeinsam dazu beizutragen, dass unsere Demokratie nicht wie damals mit ihren eigenen Mitteln zerstört werden kann.

In diesem Sinne mögen diese Gedenktafel
und die drei Stolpersteine
auch ein Mahnmal in die Zukunft sein.

 

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